Eine Hand-Operation ist ein Routine-Eingriff, Standard eben für die Mediziner. Das gilt auch für die Abläufe davor und danach. Untersuchungen, Röntgen, Nachsorge. Die prinzipiellen Unterschiede zu industriellen Prozessen sind gering, auch wenn Gesundheitsdienstleister das ungern hören. Qualität, Zeit, Effizienz, abrechenbare Leistung, darauf kommt es an. Aber, wo bleibt der Mensch? Ein Gespräch mit Dr. Ralf Haberland, Naturwissenschaftler und Patient in einer renommierten Unfallklinik.

Reinald: Lieber Ralf, Deine Hand kannst Du wieder bewegen. Wie zu besten Jugendzeiten, oder? …

Ralf: Ich sage es mal so: eine komplizierte Operation, bei der ein Metallstift durch die Knochen des kleinen Fingers der linken Hand gebohrt werden musste, um diesen Finger wieder korrekt auszurichten, verlief erfolgreich. Auch die Entfernung dieses Stifts nach einem Monat klappte ohne Komplikationen. Nach weiterer Rekonvaleszenz konnte ich endlich wieder Gitarre spielen und diesen Finger nutzen, wenn auch mit Einschränkungen. Darüber bin ich sehr dankbar.

Reinald: Da hast Du ja richtig gute Erfahrungen mit dem Krankenhaus gemacht.

Ralf: Was die Kompetenzen und Fähigkeiten der einzelnen Stationen im Krankenhaus betrifft, definitiv ja. Ich benutze dabei bewusst den Begriff „Station“. Denn ich fühlte mich behandelt, wie ein Werkstück in einem industriellen Fertigungsprozess.

Reinald: Was möchtest Du mit dem Begriff „Fertigungsprozess” sagen?

Ralf: Ich habe viele Jahre in einem Industriekonzern gearbeitet, der seine Abläufe ständig optimiert. Im Fertigungsprozess geht es um die Sicherstellung eines festgelegten Durchlaufplans für jedes Werkstück. In einer Fertigungshalle werden zur selben Zeit viele Werkstücke an vielen unterschiedlichen Stationen bearbeitet. Kein Mensch hat da mehr den vollständigen Überblick. Dennoch klappt es, dass jedes Werkstück in der geplanten Reihenfolge genau an die Stationen kommt, an denen es bearbeitet werden soll. So geht Massenfertigung, auch bei hoher Vielfalt.

Reinald: Aber kann man denn ein Krankenhaus mit einem industriellen Fertigungsprozess vergleichen?

Ralf: Strukturell schon. Denn ein Krankenhaus ist auch ein weitläufiger Komplex mit einer Vielzahl unterschiedlicher „Stationen“. Von der Anmeldung über spezifische Behandlungsräume, Röntgen, Blutabnahme, diverse OP-Räume und Warte-Bereiche bis hin zu Pflege-Stationen. Da müssen viele Patienten zeitlich synchronisiert „durchgeschleust“ werden. Und zwar so, dass jeder Patient genau die therapeutischen Massnahmen in genau der Reihenfolge erfährt, die er oder sie bekommen soll. Alles unter bestmöglicher Ausnutzung der verfügbarer Ressourcen, bei möglichst niedrigen Kosten.

Reinald: Bleiben wir mal kurz bei diesem technischen Blick auf die Abläufe im Krankenhaus. Sind Dir dennoch Unterschiede zu industriellen Prozessen aufgefallen?

Ralf: Ja! Zum einen scheint mir noch mehr Aufwand für die Dokumentation betrieben zu werden. Wer hat wann was beobachtet, getan oder gemessen? Auch im Fertigungsprozess werden zwecks Rückverfolgbarkeit defekter oder reklamierter Teile immer mehr Daten erfasst. Im Krankenhaus dagegen läuft eine nahezu lückenlose „Protokollierung“ ab. Andererseits schien mir die Nutzung von IT nicht ausgereift. In einer modernen Fertigung wird praktisch kein Papier mehr benötigt. Die Werkstücke erhalten ein Label. Mittels dieser Identifikation werden sie automatisch gescannt, gesteuert und überwacht. Im Krankenhaus dagegen bekam ich zu Beginn eines jeden Besuches einen DINA4-Zettel mit einer Vielzahl gleichartiger Aufkleber meiner Daten mit auf den Weg durch die Klinik. An jeder „Station“ wurde ein Aufkleber entnommen und auf ein Dokumentationsblatt geklebt. Das wurde dann vermutlich abgelegt oder eingescannt. Nützlich für eine lückenlose Protokollierung, technisch aber Steinzeit-IT!

Reinald: Gibt es dennoch einen substantiellen Unterschied zwischen Krankenhaus und Fertigung?

Ralf: Selbstverständlich! Im Industrieprozess geht es um die Bearbeitung von Dingen. Im Krankenhaus werden Menschen behandelt und gepflegt. Eine zeit-und aufwandsoptimierte Organisation im Krankenhaus ist natürlich im Interesse aller. Dabei darf aber die Würde des Menschen als individuelle und einzigartige Person nicht verloren gehen.

Reinald: Hattest Du etwa den Eindruck, eher wie ein Werkstück behandelt zur werden?

Ralf: Soweit würde ich nicht gehen. Immerhin traf ich nicht auf Roboter, sondern auf echtes Pflege-Personal, das mich durchweg freundlich behandelte. Doch aufgrund des tayloristischen Ablaufs stieß ich immer wieder auf andere Pfleger und Ärzte. Die agierten zwar jedes Mal hochprofessionell und schienen wirklich engagiert. De facto waren sie aber nur auf ihre spezielle Verrichtung an einem meiner Körperteile fokussiert. Für die Wahrnehmung des Menschen als Person, die da behandelt wurde, fehlte fast immer die Zeit. So kam ich mir letztlich doch vor wie ein Werkstück, das zwar sachgerecht aber ohne jede Herzlichkeit „bearbeitet“ wurde.

Reinald: Rein funktionale Arbeitseinstellung gepaart mit Steinzeit IT. Das klingt nach fundamentaler Schieflage. Die große Verheißung im Gesundheitswesen ist Digitalisierung. Zum Schluss daher die Frage: Wo bleibt der Mensch? Oder, wie könnte Digitalisierung zur Aussöhnung von Mensch, Medizin und Effizienz beitragen?

Ralf: Das kann sich meines Erachtens sogar ganz prima ergänzen. Einerseits den Einsatz moderner IT konsequent vorantreiben und dadurch Vorteile wie mehr Sicherheit, höhere Qualität, effektivere Abläufe, usw. schaffen. Und andererseits die erzielten Gewinne für Investitionen in ein humanes Rahmenprogramm nutzen. Denn der Mensch ist bekanntlich weit mehr als das Funktionieren eines komplexen Organismus.